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Vereinsverzeichnis

Gesangverein Liedertafel

Gesangverein Liedertafel e.V. Schwäbisch Gmünd (1878 bis 1975)

Die Liedertafel wurde 1878 unter Führung des Stadtgeometers Adalbert Waller und des Arbeiters Heinrich Aich als Arbeitergesangverein gegründet.
Im Jahre 1902 schloss sich der Verein, der vorher keinem Sängerbund angehört hatte, dem 1897 gegründeten Gau Württemberg des deutschen Arbeitersängerbundes an. 1903 konnte die Liedertafel unter starker Beteiligung hiesiger und auswärtiger Vereine ihr 25jähriges Jubiläum mit der Weihe einer neuen Vereinsfahne abhalten. Bis zum Ersten Weltkrieg hatte die Liedertafel unter Leitung
Ihres unermüdlichen Dirigenten Karl KIingler eine stetige Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen.
In diesen Jahren waren die Liedertafel und der Arbeiterturnverein in den Gewerkschaften und den sonstigen Arbeiterorganisationen die Träger der kulturellen und sportlichen Bewegung in Schwäbisch Gmünd. In das festliche Treiben des Gausängerfestes in Gmünd im Juni 1914, an dem 140 Vereine teilnahmen, fiel die Nachricht vom Mord an Erzherzog Ferdinand in Sarajewo, der das Signal zu dem wenige Wochen später beginnenden Ersten Weltkrieg gab.
Die großen Kriegsverluste und die nachfolgende Inflation erschwerten den Wiederaufstieg des Vereins sehr. Trotzdem erreichten der Männerchor und auch der gemischte Chor unter Leitung der Dirigenten Söll, Baumann und Mack einen beachtlichen Aufstieg und traten wiederholt durch die Aufführung größerer Chorwerke und durch die Mitwirkung bei festlichen Veranstaltungen an die Öffentlichkeit. Höhepunkte des kulturellen Schaffens bildeten die Kritiksingen bei den Bezirkssängerfesten in Aalen und Göppingen, beim Landessängerfest 1929 in Bad Cannstatt und die Durchführung des Bezirkssängerfestes in Schwäbisch Gmünd im Jahre 1932.
Wenn man die Berichte der Rems-Zeitung und der Gmünder Zeitung über dieses Bezirkssängertreffen durchliest, kann man ermessen, was die Arbeiter durch das 1933 erfolgte Verbot ihrer Kulturorganisationen verloren. Hier begann auch der Leidensweg der Liedertafel bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Dem Verbot fiel auch die Liedertafel Schwäbisch Gmünd zum Opfer. Dabei wurde ihr Notenmaterial nach peinlicher Auslese auf behördliche Anordnung zum größten Teil verbrannt. Erst nach jahrelangem Bemühen konnte der Verein seine Arbeit wieder aufnehmen. Auch der Zweite Weltkrieg forderte wieder große Opfer unter den Sängern. Ein zweites Mal wurde die Chorliteratur 1945 bei einer Besetzung des Sängerlokals 'Gasthof Hopfensitz' durch US-Streitkräfte zum großen Teil vernichtet.

Nach der Rückkehr der restlichen Sänger aus der Gefangenschaft begann man 1946 mit dem Neuaufbau bei der Liedertafel. Hermann Grotz konnte 1947 als Dirigent gewonnen werden. Das erste eigenständige Konzert konnte 1948 durchgeführt werden, wobei Frauen-, Männer- und gemischter Chor auftraten. Beim Bundessängerfest des Arbeitersängerbundes 1949 in Ludwigsburg konnte man mit 120 Aktiven mit sehr gutem Erfolg abschneiden. Nach Beendigung des schwäbischen Sängerstreites der Nachkriegszeit ist die Liedertafel im Jahre 1951 dem Schwäbischen Sängerbund und dem Silchergau beigetreten. 1951 gab es auch einen Dirigentenwechsel, wobei Bruno May als neuer Dirigent verpflichtet werden konnte.

Beim Bundesliederfest in Aalen konnte 1952 mit der Note 'sehr gut' ein schöner Erfolg verbucht werden. 1953 wurde das 75jährige Jubiläum der Liedertafel vom 20. bis 22. Juni gefeiert. Das Festkonzert am Samstag und der Festzug mit 26 Vereinen am Sonntag waren ein großer Erfolg. Am Montag schloss sich ein Kinderfest mit Vergnügungspark und die Nachfeier mit Feuerwerk im Stadtgarten an. Zu diesem Jubiläum wurde die 1903 geweihte Vereinsfahne neu hergerichtet, ebenfalls die Lyra, die eine der schönsten im Land sein dürfte. Es folgten nun zwei Jahrzehnte hoher kultureller Tätigkeit unter Chorleiter Bruno May.

Teilnahme an den Sängerfesten: 1956 des Deutschen Sängerbundes in Stuttgart, 1964 beim Chorfest des Schwäbischen Sängerbundes in Heilbronn 1965 am 9. Gauliederfest des Silchergaues in Schwäbisch Gmünd, 1968 beim Deutschen Sängerfest in Stuttgart und 1970 beim Gauliederfest des Silchergaues in Heubach. Jährliche Konzerte in Schwäbisch Gmünd allein und oft mit dem befreundeten MGV Lorch, aber auch mit dem Liederkranz Waldhausen und dem Silcherverein Schnait, führten zu einem guten kulturellen Ruf in der Stadt. Enge freundschaftliche Beziehungen innerhalb der Chorgemeinschaft May mit gegenseitigen Veranstaltungen und Besuchen derselben gehörten ebenfalls zum kulturellen Wirken wie Vereinsausflüge, Ständchen zu den verschiedensten Anlässen, Mitwirkung bei Festen anderer Vereine und Organisationen. Auch das letzte Geleit beim Tode von aktiven und passiven Mitgliedern oder Menschen des öffentlichen Lebens gehörte mit dazu.

1973 war man an einem Punkt angekommen, wo man durch Absinken der aktiven Sängerzahl nicht mehr konzertfähig war. Hier endete auch die Tätigkeit von Bruno May als Chorleiter. Dirigentensuche und Verhandlungen mit anderen Vereinen wegen gemeinsamer Durchführung von Singstunden führten dann mit der Zeit zu Verhandlungen über einen Zusammenschluss der innerstädtischen Vereine, die dann zu dem Zusammenschluss der Gesangvereine Alpenrose, Liedertafel und Männergesangverein Schwäbisch Gmünd führten.

1975 wurde auf Beschluss einer außerordentlichen Hauptversammlung der Gesangverein Liedertafel aufgelöst und die Mitglieder und das Vereinsvermögen in den Neugegründeten Gesangverein Schwäbisch Gmünd 1823 e. V. eingebracht.
Nach 97 Jahren Bestand endete ein bewegtes Vereinsleben. Diese 97 Jahre bedeuteten nicht nur Frohsinn und Geselligkeit, sondern auch ein ernstes Schaffen und oft auch Kampf um die Erhaltung der Sängergemeinschaft. Im besonderen Maße wurde der Liedertafel als Kulturschaffendem Verein das Leben nicht leicht gemacht. Die Vereinsgeschichte der Liedertafel zeigt sich als ein Stück Kulturgeschichte der Schwäbisch Gmünder Arbeiterbewegung, ein Stück Kampf um die Erhaltung und Förderung deutscher Gesangskultur.